Leseprobe aus „Wiener Intermezzo“

 

Rudolf und Clara sprechen über die Annullierung ihrer Ehe

 

 

Rudoph grübelte den restlichen Tag über diesem Problem. Schließlich glaubte er, eine Lösung gefunden zu haben und bat Clara zu einer Unterredung. Sie trug ein Kleid, das er scheußlich fand, obwohl er sich im Allgemeinen nicht für Mode interessierte. Schon die Art, wie sie ihm mit sittsam im Schoß gefalteten Händen gegenübersaß und den Kopf gesenkt hielt, als erwarte sie ihr Todesurteil, löste hilflose Wut in ihm aus und am liebsten hätte er das Gespräch abgesagt.

Er riss sich zusammen und sagte langsam: „Wie Sie wissen, wollte ich unsere Ehe so schnell als möglich annullieren lassen.“

Sie nickte.

„Nun, ich habe dabei nicht alle Fakten berücksichtigt.“ Er räusperte sich. „Was werden Sie tun, wenn die Ehe annulliert ist? Welche Pläne haben Sie?“

Sie studierte eingehend ihre verschränkten Finger. „Ich habe keine Pläne. Vermutlich werde ich zu meinen Eltern zurückgehen.“

„Wollen Sie das?“

Sie blickte auf. „Was ich will, spielt keine Rolle. Ich muss tun, was Sie oder meine Eltern von mir verlangen.“

Rudolf versuchte, seine Ungeduld zu zügeln. „Wenn Sie tun könnten, was immer Sie wollten, wenn Ihnen alle Wege offen stünden, welchen würden Sie wählen?“

Clara sah ihn an, als hätte er in einer für sie unverständlichen Sprache gesprochen. Sie schwieg so lange, dass er schon nicht mehr mit einer Antwort rechnete.

„Musik“, sagte sie leise. „Wenn ich wählen könnte, würde ich ein Leben für die Musik wählen.“

Er hatte mit allem Möglichen gerechnet, einer hohen Apanage, mit der sie sich aufs Land zurückziehen konnte, den Eintritt in ein vornehmes Stift, aber diese Antwort machte ihn hilflos, denn er hatte nicht die geringste Ahnung, was sie damit meinte.

„Die Bühne? Sie wollen zum Theater?“, fragte er auf gut Glück, obwohl er sich das überhaupt nicht vorstellen konnte. Sie war ein unauffälliges graues Mäuschen, das sich bestimmt nicht wohl fühlte, wenn es im Mittelpunkt allgemeinen Interesses stand.

Sie runzelte die Stirn. „Nein, ich will Cembalo spielen. Vielleicht auch komponieren.“

Auch mit dieser Antwort fing er nicht viel an. Im Geiste ging er die wenigen privaten Hauskonzerte durch, die er miterlebt hatte. Sie alle waren eine mehr oder weniger große Peinlichkeit gewesen. Die Frau des Hauses oder ihre Töchter malträtierten die verschiedensten Instrumente, während die Gäste hinter vorgehaltener Hand gähnten und sich im Austauschen falscher Komplimente überboten.

Andererseits hatte er Clara spielen gehört und es als durchaus angenehm und melodiös empfunden. Aber natürlich war er nicht der Richtige, das zu beurteilen. Vielleicht konnte er arrangieren, dass sich jemand ihrer annahm, der von Musik wirklich etwas verstand. Er hatte zwar bisher keine einschlägigen Kontakte, aber das sollte das kleinste Problem sein.

„Gut. Dann ich möchte ich Ihnen mitteilen, zu welcher Entscheidung ich mich durchgerungen habe. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass eine sofortige Annullierung unserer Ehe meinem Seelenfrieden abträglich wäre. Ich kann Sie nicht zu Ihren Eltern zurückschicken, mit dem Wissen, dass Sie dort erneut drangsaliert werden – in welcher Hinsicht auch immer.“

Überraschung malte sich auf ihrem Gesicht aus und sie blickte ihn fragend an.

„Deshalb habe ich mich entschlossen, die Annullierung aufzuschieben, bis Sie eine neue Perspektive für Ihr Leben gefunden haben. Wenn es im Bereich der Musik sein soll, werde ich versuchen, Sie mit den entsprechenden Menschen zusammenzubringen.“

Noch immer sah sie ihn unverwandt an und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass ihre hellen Augen einen unangenehm scharfen Blick besaßen. Als sähe sie durch alle Ausflüchte und Beschönigungen direkt auf den Kern der Angelegenheit.

„Soll das heißen“, sagte sie langsam und bedächtig, „ich darf mir einen neuen Ehemann aussuchen?“

….

back