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Leseprobe
aus „Wiener Menuett“ Der
Morgen nach der geplatzten Verlobungsfeier. Tante Gisela macht ihrer Nichte Christina
unverblümt klar, was von ihr erwartet wird, nachdem Axel von Rödern einfach
verschwunden ist. Es
war schließlich später Nachmittag, als Christina in Tante Giselas Salon
erschien, wo diese hinter einem voluminösen Schreibtisch saß und den Kiel einer
Gänsefeder über ein Blatt Papier kratzen ließ. Ihre Mutter hatte auf einer
Chaiselongue Platz genommen und beschäftigte sich mit einer Petit Point
Stickerei. Beide Frauen sahen von ihrer Arbeit auf, als Christina das Zimmer
betrat. »Ausgeschlafen,
Zissi?«, fragte die Tante und legte die Feder zur Seite. »Wie ich dich kenne,
hast du dir schon in der Küche etwas zu essen geholt.« Christina
setzte sich in einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand und streckte die
Beine aus. »Ganz richtig, liebe Tante.« »Schön,
es freut mich zu sehen, dass es dir gut geht, Zissi.« »Tut
mir Leid, dass ich noch lebe«, antwortete Christina patzig. »Es
gibt überraschende Neuigkeiten«, hörte sie
die Stimme ihrer Mutter und drehte sich zu ihr um. Das
Lächeln in Erikas Gesicht erstarb unter dem scharfen Blick, den ihr die
Schwester zuwarf. »Wirklich?
Ist Axel aufgetaucht und alles hat sich als ein Irrtum herausgestellt?«
Christina konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme bei dieser Frage atemlos
klang. »Natürlich
nicht, Kind. Meinen Nachforschungen zufolge hat er Wien schon gestern früh
verlassen«, machte Gisela ihre Hoffnungen ohne Umstände zunichte. Christina
spielte mit einer Borte ihres Kleides. Etwas Gutes hatte die Nachricht doch:
sie musste Axel nicht mehr gegenübertreten und diese Tatsache beruhigte sie
ein wenig. »Was
ist dann die Neuigkeit?«, fragte sie ohne großes Interesse. »Ich
habe gestern Abend, nachdem ihr beide zu Bett gegangen seid, ein
langes Gespräch geführt.« »Mit
wem und worüber?« »Über
dich, mein Kind. Es scheint, als hättest du eine Eroberung gemacht, und alles
wird sich zum Besten wenden.« Der salbungsvolle Tonfall ihrer Tante gefiel
ihr gar nicht. »Ja?« »Ja,
Zissi. Graf Winterfeld hat um deine Hand angehalten.« »Winterfeld?«
Christina runzelte die Stirn, dann erinnerte sie sich, was Axel ihr über den
Grafen erzählt hatte: mehr Geld als Verstand, in allen Betten zu Hause, kein
anderes Ziel im Leben als Geld ausgeben und seinen Spaß haben. »Aber der Mann
kennt mich ja gar nicht«, murmelte sie. »Oh,
doch das tut er. Er hat dich beim Grafen Palffy letzte Woche getroffen und
sich unsterblich in dich verliebt.« »Blödsinn«,
schnaubte Christina. »Er
hält dich für einen Engel ...« »Oh,
diese Bezeichnung steht auf meiner Beliebtheitsskala an erster Stelle.« Sie
warf ihrer Mutter einen Blick zu, aber sie
hatte sich wieder über ihre Stickerei gebeugt. Von dieser Seite war keine
Hilfe zu erwarten, dachte Christina bitter. »Nun,
ich selbst finde auch, dass dieser Begriff nicht ganz zu dir passt, aber der
Glaube eines Mannes ist sein Himmelreich und in diesem Fall tätest du gut
daran, ihn in diesem Glauben zu bestärken.« Tante Gisela hatte in den letzten
zehn Monaten Dutzende Heiratsanträge für sie abgeschmettert, deshalb
erstaunte Christina der plötzliche Meinungswechsel. »Das
soll heißen ...« »...
dass du ihn heiraten wirst, und wenn ich dich höchstpersönlich zum Altar
schleifen muss.« Christina
lehnte sich zurück und hielt dem Blick ihrer Tante stand. »Ich denke nicht
daran.« »Das
ist mir klar, Zissi. Aber in diesem Fall hast du keine Wahl. Ich war
nachgiebig genug, dich einmal wählen zu lassen, anstatt einen Ehemann für
dich zu suchen. Jetzt tust du, was ich sage.« »Ich
will nicht«, antwortete sie starrsinnig. »Du
hast es immer noch nicht verstanden. Nach dem gestrigen Desaster geht es
nicht darum, was du willst. Es geht darum, welche Möglichkeiten du hast.« »Die
Heirat mit diesem Winterfeld kann nicht die einzige Möglichkeit sein.« »Nein.
Die andere wäre ein Stift für vornehme Fräulein jeden Alters, die entweder schwermütig,
wahnsinnig oder hässlich sind oder die der Mittelpunkt eines Skandals waren.
Dich für den Rest deines Lebens dort unterzubringen wird zwar teuer, aber ich
werde mir die paar Jahre, die mir noch bleiben, nicht durch dein Benehmen
oder das Fehlen davon verderben lassen. Dafür habe ich den alten Jacobi nicht
zehn endlose Jahre lang ertragen.« »Mutter«,
schrie Christina entsetzt auf. Erika
seufzte. »Was soll ich sagen, Zissi. Deine Tante war nie verliebt, sie hat
sich an den Meistbietenden verkauft ...« »Hätte
ich das nicht getan, geliebte Schwester, könntest du jetzt Socken stopfen,
statt Deckchen sticken«, sagte Gisela scharf
und wandte sich wieder ihrer Nichte zu. »Es ist deine Schuld, dass es so
gekommen ist.« »Meine
Schuld?«, wiederholte Christina ungläubig. »Axel hat mich sitzen gelassen,
nicht ich ihn.« »Ich
weiß, aber dein Betragen in der Öffentlichkeit war absolut indiskutabel. Du
hast mit ihm herumpoussiert, dich von ihm küssen und berühren lassen. Ich
habe nur geschwiegen, weil ihr verlobt ward, aber jetzt sage ich dir, dass du
dich wie eine Kokotte aufgeführt hast.« Ihre Augen verengten sich. »Und wer
weiß, was du sonst noch mit ihm getrieben hast.« Fassungslos
starrte Christina ihre Tante an. »Das ist nicht dein Ernst ...« »Es
ist das Bild, das die Gesellschaft von dir hat. Und die einzige Möglichkeit,
dich wieder einigermaßen präsentabel zu machen, ist eine Heirat mit einem
einflussreichen Mann. Wenn nicht, bleibt dir nur das Stift. Oder die Arbeit
als Gouvernante«, fügte sie hämisch mit einem Blick auf ihre Schwester hinzu. Die Einrichtung begann, sich vor Christinas Augen
zu drehen. Das durfte nicht wahr sein ... alles nur ein Albtraum, aus dem sie
gleich erwachen würde. Von weitem hörte sie
die Stimme ihrer Tante: »Natürlich musste ich Winterfeld auch auf diese
Eventualität vorbereiten.« »Diese
Eventualität?« wiederholte sie verständnislos. »Dass
du mit Axel schon deinen Spaß gehabt hast.« Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. »Das hast du
nicht getan, Tante, sag mir, dass du das nicht getan hast.« Gisela
zuckte die Schultern. »Um den heißen Brei herumreden, bringt nichts. Er ist
dermaßen fest entschlossen, dich zu heiraten, dass ich es angebracht fand,
die Fakten auf den Tisch zu legen. Winterfeld ist ein Mann von Welt, der
solche Dinge mit der nötigen Diskretion behandelt ...« »Einer
Diskretion, die dir anscheinend fehlt, Tante.« »Hör
zu, Fräulein, es ist zu spät, Blümchen-Rühr-Mich-Nicht-An zu spielen.
Übrigens ist er so verrückt nach dir, dass es ihm gleichgültig ist.« Christina hatte nicht geglaubt, dass sie noch tiefer
im Boden versinken konnte und schüttelte nur hilflos den Kopf. Ihre
Tante beugte sich über den Tisch. »Winterfeld ist eine erstklassige Partie.
Altes Geld, altes Blut. Seit Jahren versuchen Mütter wie Töchter ihn
einzufangen, doch er ist ein Meister im Hakenschlagen. Seine Moral ist eine
Katastrophe und sein Ruf beim Teufel. Aber er gehört zum Freundeskreis des
Thronfolgers und ist für seine Loyalität zur Kaiserin bekannt. Niemand wird
es wagen, mit dem Finger auf dich zu zeigen, wenn du die Gräfin Winterfeld
bist. Und alles andere ist vollkommen unwichtig.« Christina
schob ihr Kinn vor und starrte die Tante an. Unbeeindruckt
redete diese weiter: »Er kommt morgen Vormittag, um dir seine Aufwartung zu
machen und dich um deine Hand zu bitten. Wir sind uns darüber einig, dass die
Hochzeit so schnell wie möglich über die Bühne gehen soll. Und es wird
definitiv keine Verlobung geben.« »Du
erwartest von mir keine Antwort auf all das, nicht wahr?« Gisela
von Jacobi lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Wie gesagt, es ist nicht mehr
wichtig, was du dazu sagst, Zissi. Und auch wenn du es nicht hören willst,
die Ehe mit diesem Mann ist deine letzte Chance auf ein anständiges Leben.« Christina
kämpfte darum, nicht einfach aufzuspringen und aus dem Zimmer zu laufen.
Stattdessen erhob sie sich langsam und sagte wesentlich ruhiger als sie in
Wirklichkeit war: »Gut, nachdem du die Entscheidungen für mein Leben
getroffen hast, scheint es so, als müsste ich sie akzeptieren. Ich werde den
Grafen morgen empfangen. Wenn er nach dem Gespräch allerdings nicht mehr ...« »So
dumm wirst du nicht sein«, schnitt ihr die Tante das Wort ab und beugte sich
wieder über ihren Brief. Unkontrollierbare
Wut stieg in Christina hoch. »Nein, so dumm werde ich nicht sein, und kein
Mann und keine Ehe kann schlimmer sein als das hier.« …. |
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