Marie Andrevsky

Delandra

 

Das kalte Licht der drei Monde erhellte die Nacht über dem Schlachtfeld. Sieger und Besiegte standen sich gegenüber, in einiger Entfernung wartete die Gruppe derer, die den Sieg möglich gemacht hatten. Der Name ihrer Waffe kroch einem räudigen Wolf gleich durch die Reihen der Kämpfer: Verrat.

 

Das eigene Volk dem Feind auszuliefern, dafür gab es kein Wort in ihrer Sprache. Die Verachtung der Besiegten brodelte unter den Soldaten, aber sie mussten hilflos mit ansehen, wie ihr Herrscher seinen Stab an Karelian übergab und das Knie zum Zeichen der Unterwerfung vor ihm beugte.

 

Karelian wirbelte das edelsteinbesetzte Zepter in der Hand und ein Funkregen sprühte durch die Nacht. Seine Gefolgsmänner johlten begeistert auf.

 

»Nun denn, Volk der Ark’ten’Aach, in Zukunft werdet ihr sein, was ihr schon immer wart: das Gewürm im Bauch der Erde. Ich verbanne euch in die Höhlen und Grotten unseres Landes, da mögt ihr leben oder nicht. Die Macht des Zepters ist nicht länger mehr die eure und eure wahre Natur trägt keine Maske mehr. Kein Vorgaukeln des schönen Scheins, keine Diebeszüge unter dem Geleit des Tagessterns. Die Nacht und die Dunkelheit seien euer Platz, das Licht des sei Tages euer Tod. Die Wahl liegt bei euch. Von heute an für alle Zeit.«

 

Karelian ließ das Zepter noch ein paar Mal aufblitzen. Es war mehr als nur ein Symbol. In ihm lag alle Macht der Ark’ten’Aach. Schließlich wandte er sich ab und signalisierte seinen Männern mit einer weit ausholenden Handbewegung, dass sie zum Schloss marschieren würden.

 

In diesem Augenblick begriff Garek die wirkliche Tragweite der verlorenen Schlacht. Als sie sich zum Angriff bereit gemacht hatten, war er der Thronfolger gewesen. Prinz Garek, der einzige Sohn von König Pentara. Und jetzt war er nichts als ein in ewige Dunkelheit Verbannter. Sein Vater kniete noch immer auf dem Podium. Zwei von Karelians Männern zerrten ihn hoch und versetzten ihm einen Stoß, der ihn taumeln ließ.

 

Gareks Blick flog zu der Gruppe der Verräter, die die Vorgänge aus sicherer Entfernung beobachteten. Männer und Frauen von seinem Blut. Er kannte sie. Jeden einzelnen. Orav, der den Gesang der Pizielle so gut nachmachen konnte; Leonor, der mit dem Bogen umging wie kein zweiter. Adur, Mulk, Saad, Leinte, Gefährten seiner Jugend. Verloren, vorbei, nichts konnte ungeschehen machen, was sich ereignet hatte. Hinter ihnen standen ihre Familien, Mütter, Väter, Schwestern. Eine Mauer an Einigkeit, eine Mauer des Schweigens.

 

Delandras Haar glänzte im Licht der Monde wie gesponnenes Silber. Keine andere Frau hatte solches Haar. Oder Augen vom Purpur der Ledonitkristalle. Sie stand neben ihrem Bruder, aufrecht und stolz.

 

Schmerz und Enttäuschung machten Gareks Kehle eng. Er hatte gehofft, dass sie nichts von dem Komplott gewusst hatte. Oder dass man sie zum Gehorsam zwang. Aber ihre Haltung sprach dagegen, sie wusste nicht nur davon, sie billigte es auch.

 

Fuhrwerke näherten sich der Gruppe der Verräter und nachdem alle aufgestiegen waren, folgten sie in einem hoheitsvollen Konvoi Karelian und seinen Männern. Die Umrisse verschwammen vor Gareks Augen. Erst als ihm sein Vater die Hand auf die Schulter legte, merkte er, dass er weinte.

 

»Komm, mein Sohn, wir müssen uns verbergen, bevor das Tagesgestirn den Horizont erreicht.« Pentaras Stimme klang erschöpft.

 

Garek blickte in das Gesicht seines Vaters. Keine Hoffnung lag darin. Nur Müdigkeit und Resignation.

 

...

 

 

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