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Licht meines Lebens

von Marie Andrevsky

 

Paris, 1788

 

Die Augen, die dem Mädchen folgten, das an der gartenseitigen Wand des Palais

entlang eilte, glitzerten silbern im kalten Licht des Mondes. Noch immer überraschte

den Besitzer dieser Augen die Deutlichkeit, mit der er die schnellen Herzschläge des

Mädchens hören konnte. Dabei sollte er sich mittlerweile an die Eigenheiten seiner

neuen Existenz gewöhnt haben.

 

Er blickte hinüber zu dem kleinen Pavillon. Von dort war bis vor wenigen Minuten

ein zweiter, nicht weniger aufgeregter Herzschlag zu vernehmen gewesen. Aber jetzt

kam von dem Mann, der in den Armen einer hochgewachsenen Frau lag, kein

Atemzug mehr und sein Kopf fiel in einem unnatürlichen Winkel nach hinten. Ein

passendes Ende für den Marquis de Montignard, dachte der Beobachter boshaft. Der

Marquis hatte schon immer mit Vorliebe den Kopf im Bett zahlloser Pariser Kokotten

der vornehmen und weniger vornehmen Gesellschaft verloren.

 

Die Kleine verlangsamte ihre Schritte, da sie entdeckte, dass ihr Angebeteter nicht

alleine war. Und als sie begriff, dass ihr heimliches Rendezvous zu Ende war, bevor

es angefangen hatte, blieb sie stehen und starrte fassungslos auf die blitzenden

Reißzähne der Frau, von denen eine dunkle Flüssigkeit auf die weiße Hemdbrust

ihres toten Opfers tropfte.

 

Der Beobachter verließ seinen Platz und glitt, ein Schatten unter Schatten, zu dem

Mädchen hinüber und legte seine Hand auf ihren Mund, ehe ein Laut über ihre

Lippen kommen konnte. Der warme, zierliche Körper sank schlaff gegen ihn. Sie

hatte das Bewusstsein verloren. Ob aus Schock über das Gesehene oder wegen der

Tatsache, dass sie niemals die Marquise de Montignard sein würde, blieb ihr

Geheimnis.

 

  * * *

 

Der Schmerz in ihren Armen holte Isabelle aus der Bewusstlosigkeit. Sie lag auf

einem Bett und ihre Handgelenke waren hinter dem Kopf an den Pfosten

festgebunden. Auch ihre gespreizten Beine hatte man mit dünnen Seilen an das Bett

gefesselt. Sie war nackt. Scham und Panik drängten in ihr Bewusstsein, doch bevor

sie etwas davon verarbeiten konnte, hörte sie eigenartige Geräusche neben sich.

Langsam, beinahe widerwillig drehte sie den Kopf.

 

Zwei marmorfarbene Leiber glitten schlangengleich übereinander, bewegten sich

miteinander, gegeneinander in einem obszönen Rhythmus, Stöhnen wechselte sich

mit leisem Knurren ab. Isabelles Wangen röteten sich. Zweifellos geschah hier

etwas, das nur Eheleuten vorbehalten war. Sie hatte Dienstmädchen darüber flüstern

und kichern hören, aber jetzt wurde sie unmittelbar Zeugin des Geschehens. Das

Stöhnen nahm zu, lange schlanke Beine pressten sich um die Hüften des Mannes,

Fingernägel ritzen seinen Rücken, ehe sich die beiden Körper aufbäumten, um kurz

danach bewegungslos auf dem Bett zu verharren.

 

Isabelle starrte in das Gesicht der Frau, das sich vor ihren Augen von der

Raubtierfratze in atemberaubend schöne Züge verwandelte. Die blassen Lippen

verzogen sich zu einem Lächeln und sie rüttelte den Mann, der auf ihr lag, an der

Schulter. „Chéri, unser Püppchen ist aufgewacht.“

 

Der Mann hob den Kopf und mit wachsendem Entsetzen stellte Isabelle fest, dass

sie ihn kannte. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, wo sie ihn gesehen hatte.

Da streckte er eine Hand aus und wickelte eine Strähne ihres honigfarbenen Haares

um seine Finger. „Isabelle, Licht meines Lebens“, murmelte er träge und grinste,

bevor er sich ganz aufrichtete. Er rutschte vom Bett und ging, nackt wie er war, quer

durchs Zimmer zu einem Tischchen, auf dem ein Silbertablett mit einer Karaffe und

mehreren Kristallgläsern stand.

 

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