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Leseprobe

 

Perfekt

von Marie Andrevsky

 

Linda Weinhart schob das Kofferwägelchen durch die Zollkontrolle. Ihr

einziger Wunsch war, für längere Zeit festen Boden unter den Füßen zu

haben und diese Füße samt anhängigem Körper in ein weiches Bett zu

legen. Sie nahm nicht an, dass jemand sie in der Ankunftshalle erwarten

würde.

 

Aber wieder einmal hatte sie ihn unterschätzt, denn er war da. Der

Mann, den sie im Stillen immer als den ersten Nagel zu ihrem Sarg

bezeichnete. Er sah genauso aus wie vor zehn Jahren, als er ihrem Vater

wichtige Unterlagen in dessen Villa gebracht hatte: dunkles Haar,

perfekt geschnitten, gescheitelt und geföhnt; grauer Anzug, faltenlos,

neutrale Seidenkrawatte.

 

Damals tollte sie mit ihren Freundinnen im elterlichen Swimmingpool

herum und kicherte darüber, wie ein Mensch bei 32 Grad im Schatten

so herumlaufen konnte. Sissy, ihre beste Freundin und schon mit.

fünfzehn nicht auf den Mund gefallen, fragte ihn keck, ob er nicht eine

Runde mit ihnen schwimmen wollte. Er lehnte höflich ab, rückte seine

Brille zurecht und verbeugte sich steif, um mit seinem Aktenkoffer in

Richtung Dienstwagen zu entschwinden. Später erfuhr Linda,

dass ihn ihr Vater als seinen persönlichen Assistenten eingestellt hatte,

um endlich seinen lange gehegten Traum in die Tat umzusetzen.

Dieser Traum war eine politische Karriere großen Stils.

 

Linda stoppte das Kofferwägelchen zwei Millimeter vor den blank

polierten Schuhspitzen des Mannes. „Frederick Degener, welche

Überraschung“, sagte sie in einem Ton, der ihre Worte Lügen strafte.

„Schön, Sie zu sehen, Linda“, erwiderte er und griff nach den beiden

Koffern, während Linda ihr Beautycase nahm. „Ihr Vater gab mir

Anweisung, Sie im Penthouse unterzubringen.“

 

„Komme ich überhaupt noch rechtzeitig? Mein Zeitgefühl blieb irgendwo

über dem Atlantik liegen.“

 

„Die standesamtliche Trauung fand gestern statt. Aber zur großen Feier

und zum Presseempfang heute Abend kommen Sie noch zurecht.“

 

„Und das ist vermutlich das Einzige, worauf es Paps ankommt.“

 

Da er schwieg, fragte Linda neugierig: „Warum widersprechen Sie nicht,

Fred? Schließlich bezahlt Sie mein Vater, um für ihn Stimmung zu

machen.“

 

„Die Gründe, warum Ihr Vater Sie hier haben wollte, entziehen sich

meiner Kenntnis.“

 

„Und Sie sammeln mich ein, damit ich nicht noch im letzten Moment

verloren gehe. Wie viel Bonus kriegen Sie denn dafür?“, erkundigte sie

sich spöttisch.

 

„Nicht genug“, murmelte er und warf die Koffer in den Gepäckraum der

Limousine

 

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