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Die Prophezeiung                                

Marie Andrevsky

 

 

Dessau, Fürstentum Anhalt, im Jahre des Herrn 1626, das achte Jahr eines Krieges, der dreißig Jahre dauern und weite Landstriche Europas entvölkert zurücklassen sollte.

 

 

Die Finger der alten Frau waren verkrümmt wie die Krallen eines Raubvogels und mit seltsamen Ringen geschmückt. Über die faltige Haut liefen verwaschene Tätowierungen, die zum Leben erwachten, als die Frau eine Pyramide aus milchigem Spiegelglas auf ihre linke Handfläche stellte. Sie befahl ihrem Gegenüber, die Hände an die Seiten der Pyramide zu legen und in den dreieckigen Spiegel vor sich zu blicken.

„Du bist kein Kind mehr, aber auch kein Mann. Deine Seele ist zerrissen, Wut und Schmerz brennen in dir. Du hast jemanden verloren, mit dem du eins warst, seit dem Anbeginn …“ Die Stimme der Frau schien von sehr weit her zu kommen. Ihre blicklosen Augen starrten auf die Pyramide. „Blut und Verderben sehe ich auf deinem Weg. Du suchst den Tod, doch er spielt nur mit dir und lässt dich sehr, sehr lange warten. Du wirst zu Ruhm und Geld gelangen, aber an beiden klebt Blut und Verderben. Ohne deine Schwester fühlst du dich entzweigerissen, als halber Mensch, als nutzloser Krüppel.“

Sie hielt den Jungen fest, als er weglaufen wollte. „Suche die Frau, in deren Gesicht sich Raubkatze und Rehkitz vereinen, nur durch sie kannst du die Sehnsucht, die deine Seele verzehrt, stillen. Nur durch sie wirst du deine Schwester und dich selbst wiederfinden.“ Sie ließ die Hände des Jungen los und griff nach dem kleinen goldenen Kreuz, das vor ihm lag. „Und nun zu meinem Lohn.“ Sie lachte gackernd. „Die Botschaft war zu trist, um den vollen Preis zu verlangen. Ich begnüge mich mit der Hälfte.“

Noch immer betäubt sah der Junge, wie sie das Kreuz an den beiden kurzen Enden über die Spitze der Pyramide hielt und es wie ein Stück Papier in zwei gleiche Stücke riss. „Hier, und vergiss nicht, durch sie“, wiederholte sie, „durch sie.“

 

 

 

Schlesien, 22 Jahre später.

 

Der Schmerz setzte so unmittelbar ein, dass sie die Augen aufriss. Sie lag in einem Bett, neben dem zwei Männer standen. Mühsam versuchte sie zu sprechen, aber wie ein Dolch schnitt der Schmerz durch ihren Kopf und ihren Leib.

„Wie fühlt Ihr Euch?“, fragte einer der Männer und sie empfand seine Worte als Hohn.

„Schlecht“, murmelte sie undeutlich.

„Könnt Ihr Euch erinnern, was passiert ist?“

Erinnern? Erinnern. Gehorsam versuchte sie es. Wieder und wieder, und schließlich schüttelte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf.

Unbarmherzig forderte die Stimme aufs Neue: „Wie ist Euer Name?“

Jetzt wurde der Schmerz von kalter Angst verdrängt. „Ich weiß es nicht.“

Einer der Männer reichte ihr ein Glas. „Trinkt das, es wird Eure Schmerzen lindern.“

Undeutlich hörte sie eine Stimme, aber es war nicht die, die sie gequält hatte: „Seht zu, dass Ihr das Kind rettet, das Kind, hört Ihr, das Kind muss leben ...“

 

Als sie aufwachte, flutete Sonnenlicht in den Raum. Die Schmerzen waren vorbei, nur mehr ein Gefühl von Benommenheit hüllte sie ein. Sie stützte sich auf ihre Unterarme und sah sich um. Ein paar dunkle Möbelstücke - Kasten, Kommode, Waschtisch - standen an der Wand, die Vorhänge waren verblichen, die Fensterscheiben schmutzig. Das Leinen der Bettwäsche war zwar rau, aber sauber.

Nichts von all dem kam ihr bekannt vor, und schon gar nicht der Mann, der jetzt durch die offen stehende Tür zum Fußende des Bettes trat. Seine Größe und die Breite seiner Schultern schien die Enge der Kammer zu sprengen. Seine Augenbrauen wuchsen über der Nasenwurzel zusammen und die Falten, die von der Nase zu seinem schmalen Mund liefen, waren tief in sein Gesicht gemeißelt.  Finsternis und Gewalt umhüllten ihn wie ein dunkler Mantel.

Sie zog die Decke bis zum Kinn. „Was ist geschehen? Wo bin ich? Und … und wer bin ich?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust, als hätte er noch nicht abweisend genug gewirkt und schien unbegreiflicherweise zu zögern, bevor er antwortete: „Beatrice, dein Name ist Beatrice und du bist vom Pferd gefallen.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern.“

„Woran kannst du dich denn erinnern?“, sein Ton klang ungeduldig.

„An Schmerzen, furchtbare Schmerzen.“

„Du hast dir nicht nur den Kopf angeschlagen, du hattest eine Fehlgeburt.“ Schockiert sah sie ihn an. Der Schock resultierte weniger aus der Tatsache, dass sie ein Kind verloren haben sollte, als daraus, welche Rolle er dabei spielte.

Ihre Hände krampften sich in die Bettdecke. „Ihr ... du ... du ... wir ...“

Er blickte sie mitleidlos an und nickte, worauf Beatrice in dumpfes Schweigen versank. „Ich will einen Spiegel“, forderte sie zusammenhanglos und betrachtete sich dann aufmerksam.

Da dieser Mensch dort drüben ihren Gemahl darzustellen schien, hatte sie angenommen, dass sie in seinem Alter wäre, aber das war ein Irrtum. Das Gesicht das ihr entgegensah, könnte seiner Tochter, wenn nicht seiner Enkelin gehören.

„Wie alt bin ich?“

„Zweiundzwanzig.“ Er lehnte am Fußende des Bettes.

„Und wie alt bist du?“

„Sechsunddreißig.“

Überrascht sah sie hoch. Der Blick, mit dem er sie ansah ließ ihr die Röte in die Wangen steigen und sie wandte sich hastig wieder ihrem Spiegelbild zu. Dichtes hellbraunes Haar umrahmte ein blasses Oval mit einem großzügig geschwungenen Mund und einem ausgeprägten Kinn.

„Zufrieden?“

Sie fragte sich, wie man in ein einziges Wort soviel Spott legen konnte und reichte ihm den Spiegel. „Wie man’s nimmt. Allerdings ...“ Sie machte eine Pause, weil der Satz in ihrer gegenwärtigen Lage nicht gerade ein Zeichen von Intelligenz war, „ ... kann ich mich nicht daran erinnern, jemals einem Menschen mit einem grünen und einem brauen Auge begegnet zu sein.“

„Kein Wunder, es gibt nicht viele davon“, antwortete er trocken und wollte das Zimmer verlassen.

„Moment, äh, warte ...“ rief Beatrice.

„Mein Name ist Wolfram.“

Beatrice starrte auf die Tür, die hinter ihm zufiel.

 „Wolfram“, wiederholte sie leise. Wolf und Rabe. Mit keinem von ihnen war gut Kirschenessen. Und sie hatte beide am Hals.

 

Der Arzt erschien am Nachmittag desselben Tages. Er befand ihren Zustand für durchaus zufriedenstellend. Die Sache mit ihrem Gedächtnis war zwar bedauerlich, aber nicht weiter schlimm, noch dazu, wo sie einen so fürsorglichen Gatten hatte.

Bei diesen Worten sah ihn Beatrice ungläubig an, aber er meinte es durchaus ernst. Ihr Erinnerungsvermögen käme vielleicht irgendwann von selbst zurück, vielleicht aber auch nicht.

Nachdem er sich verabschiedet hatte, schwang Beatrice die Beine aus dem Bett und marschierte zum Kasten. Gerade drei abgetragene Kleider befanden sich darin. In der obersten Lade der Kommode lagen ein paar Leibchen, Wollstrümpfe, ein zweites Nachthemd und einige Taschentücher. Entschlossen griff sie sich die nötigen Kleidungsstücke und schlüpfte hinein.

Die Treppe, die nach unten führte, war in dem selben entmutigenden Zustand, wie der Rest des Hauses: die Küche wies eine geradezu erbärmliche Ausstattung auf, die Größe der Speisekammer stach vor allem durch den Mangel an Vorräten ins Auge, im Flur fiel der Putz von den Wänden und die ursprüngliche Farbe der Polstermöbel im „Salon“ ließ sich nur erahnen. Es gab noch einige andere Räume, die allesamt leer standen.

Schließlich öffnete sie die schwere Eingangstür und blickte über eine Wiese zu einem dichten Föhrenwald. Langsam ging Beatrice weiter und rieb ihre Oberarme, da ein kühler Wind über ihre Haut strich. „Es muss Frühling sein“, dachte sie, „das Grün sieht noch so jung und frisch aus.“

 Etwas abseits befand sich eine Scheune, auf deren Dach jemand herumstieg. Während sie näher kam, grübelte sie darüber nach, welche Gründe sie wohl bewogen hatten, von allen Männern gerade diesen zu wählen.

Andererseits, vielleicht hatte gar nicht sie ihn erwählt, sondern ihre Eltern reichten ihm ihre Hand und waren froh, eines von zehn Kindern untergebracht zu haben. Sie seufzte. Der einzige, der ihr darüber Auskunft geben konnte, war auch der einzige, nach dessen Gesellschaft sie nicht die geringste Sehnsucht verspürte. Beatrice legte den Kopf in den Nacken. „Wäre es nicht kluger, zuerst die Schindeln vom Haus auszubessern?“, rief sie.

Er hielt inne und sah zu ihr. „Eine wirklich gute Idee, meine Liebe, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?“ Er warf die kaputten Schindeln zu Boden, kletterte die Leiter hinunter und klopfte seine Hosen ab.

„Habe ich das getan?“, fragte Beatrice und deutete auf eine geflickte Stelle seines Hemdes.

Er hob den Kopf und lachte. „Nein, ganz sicher nicht.“

„Wer dann?“, bohrte sie mit gerunzelter Stirn weiter und sah wie er sein Werkzeug zusammenpackte.

 „Meine Zofe“, antwortete er.

Ein Hoffnungsschimmer zeichnete sich an Beatrices Horizont ab. „Wir haben Personal?“

Kopfschüttelnd erwiderte er: „Das war ein Scherz. Ich selbst habe das Hemd geflickt.“

 Beatrice ging mit gesenktem Haupt neben ihm her. Am Brunnen angekommen, blieb er stehen. „Mach uns etwas zu essen, während ich mich wasche.“

 „Kann ich das denn?“, erkundigte sie sich widerborstig.

Er begann sein Hemd aufzuknöpfen. „Ich weiß, dass du Schwierigkeiten mit den Augen hast, aber Brot, Käse und Speck solltest selbst du in der Speisekammer finden können.“

Schwierigkeiten mit den Augen? Was hieß das jetzt wieder? Aufgebracht lief sie auf das Haus zu und blieb abrupt stehen. Das Dach. Es bestand zur Gänze aus neuen Schindeln.

 

Sie saßen sich am Tisch gegenüber und während Beatrice zusah, wie er dicke Scheiben von dem Brotlaib abschnitt, wurde ihr klar, dass er von sich aus keinen Ton sagen würde, um ihr den Anfang zu erleichtern.

„Erzähl mir, was geschehen ist.“

„Als du von deinem Ausritt nicht zurückkamst, habe ich mich auf die Suche nach dir gemacht und dich schließlich auch gefunden.“ Er reichte ihr ein Stück Brot. „Du warst bewusstlos und das Pferd musste ich erschießen.“

Täuschte sie sich, oder lag da ein Vorwurf in seiner Stimme?

„Dann rief ich Doktor Wernstatt, aber er konnte nichts machen. Du hast das Kind verloren.“ Jetzt war der Vorwurf unüberhörbar. „Anschließend hast du fünf Tage geschlafen.“

Beatrice strich Butter auf ihr Brot. „Wie haben wir uns kennengelernt?“

„Dein Vater ist Arzt. Eine alte Verletzung machte mir zu schaffen, deshalb suchte ich ihn auf und lernte seine bezaubernde Tochter kennen.“ Er lächelte sie an, aber seine Augen blieben kalt und Beatrice huschte ein Schauer über den Rücken.

„Weiter“, forderte sie heiser.

„Ich verliebte mich auf den ersten Blick in dich und zu meinem Glück ging es dir genauso. Also heirateten wir und zogen hierher.“

„Wie lange sind wir schon verheiratet?“

Er nahm sich ein Stück Käse und legte die Stirn in Falten. „Wenn ich’s recht überlege ... sind es drei Wochen. Übermorgen.“

Beatrice fiel das Messer aus der Hand. „Drei ... wie konnte ich da schwanger sein?“, keuchte sie.

Jetzt glich sein Gesicht dem eines Katers am umgekippten Milchtopf. „Wir konnten’s eben nicht erwarten, mein Engel. Nachdem wir dann erfahren mussten, dass deine Eltern nicht übermäßig glücklich über deine Wahl waren, beschlossen wir wegzugehen und ...“

Seine Worte rauschten an ihr vorbei. Ihr Verstand weigerte sich, das Gehörte zu verarbeiten, das Bild, das er von ihr zeichnete, zur Kenntnis zu nehmen: ein verwöhntes gelangweiltes Geschöpf, das verderbt genug war, jeglichen Anstand zu vergessen, um mit einem dahergelaufenem ...einem nichtsnutzigem ... einem ...

„Was ... wer bist du eigentlich?“, unterbrach sie ihn.

„Abgesehen davon, dass ich deine große Liebe bin, meinst du? Ich bin Soldat. Besser gesagt, ich war es, bevor ich beschloss, mich zur Ruhe zu setzen. Und mit meiner lieben Frau eine Familie zu gründen.“

Beatrice sah ihn trübe an. Das war sie also, ihre Zukunft: ein Haufen quengelnder Bälger in einer windschiefen Hütte und ein Mann, der selten sprach, und wenn er es tat, dann um zu befehlen oder zu tadeln.

„Was hast du denn?“ Er griff nach ihrer Hand und sie zuckte zusammen, aber die Berührung kam zu unvermutet, als dass sie hätte ausweichen können. Ihr Blick fiel auf den Bogenschutz aus speckigem Leder an seinem Handgelenk.

Was sollte sie ihm antworten? Etwa, dass sie nichts von der grenzenlosen Liebe spürte, die sie dazu gebracht hatte, ihre Familie zu verraten? Dass sich alles in ihr weigerte, seinen Worten zu glauben?

Sie zog ihre Finger weg. „Ich bin müde, das ist alles zu viel für mich.“

„Du kannst schon zu Bett gehen, ich komme nach.“

Ihre Kehle wurde eng. „Der Arzt sagte, mindestens sechs ... Monate kein ...“

Er stand auf und Ton wie Inhalt seiner nächsten Worte gab ihr zum ersten Mal wirklich Grund, sich zu fürchten: „Wenn ich dich haben will, wird nichts und niemand mich davon abhalten, mein Engel.“

Mit zitternden Knien ging Beatrice zur Tür und bevor sie draußen war, hörte sie ihn noch sagen: „Außerdem sagte der Arzt nicht sechs Monate, sondern sechs Wochen.“

 

Beatrice warf sich unruhig im Bett herum. Sie konnte nicht schlafen. Alles in ihr schrie nach Hilfe, suchte eine Möglichkeit, ihr unsichtbares Gefängnis zu verlassen.

Aber wo sollte sie hin? Wohin, im Namen aller Heiligen, sollte sie sich wenden? Ihre Familie hatte sie verstoßen, ihr Wohl lag in den Händen eines Mannes, der vorgab, ihre große Liebe zu sein und bei dessen Anblick ihr schlecht vor Angst wurde. Die ruhigen Atemzüge verrieten, dass er neben ihr lag und völlig unbeeindruckt von allen Geschehnissen des Tages tief schlief.

War es möglich, dass man Liebe so einfach vergaß? Dass man sich an das Zusammensein mit einem Mann, dessen Kind man trug, nicht erinnern konnte? Aber hatte sie nicht auch ihre Eltern vergessen? Menschen, die sie über zwanzig Jahre lang behütet hatten?

Tränen stiegen in ihr hoch, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Obwohl sie auf ihre Lippen biss, wurde sie von krampfhaften Schluchzen geschüttelt. Ein Arm legte sich um sie und zog sie an einen warmen, harten Körper, der sie ihre Einsamkeit noch stärker empfinden ließ. Beatrice gab ihre Zurückhaltung auf und begann laut zu weinen. Er murmelte keine Tröstlichkeiten, streichelte nicht über ihr Haar, sondern hielt sie nur fest. Ihr Schluchzen verebbte irgendwann und erschöpft fiel sie in einen traumlosen Schlummer.

 

Als sie am nächsten Morgen vor der Küchentür stand, straffte sie ihre Schultern. Es war ihr Leben, das Einzige, das sie hatte, und sie würde das Beste daraus machen.

Alle Schubladen und Kästen standen offen und ihr Mann wühlte zwischen den Töpfen herum. Er trug eine Raulederhose und ein schwarzes Lederwams über einem cremefarbenen, bemerkenswert sauberen Hemd.

„Erwarten wir Gäste?“, erkundigte sie sich sarkastisch und zog den Wasserkrug näher.

Er drehte sich um. „Nein, wir statten dem Wochenmarkt einen Besuch ab.“

Beatrice hielt mitten in der Bewegung inne. „Wir gehen auf den Wochenmarkt?“, wiederholte sie erfreut.

„Es gibt also doch noch etwas, woran du dich erinnerst.“

Hastig verschlang Beatrice ein Stück Brot, trank etwas Wasser und stürzte hinter ihm aus dem Haus. „Was werden wir denn kaufen?“, fragte sie aufgeregt.

Er schlüpfte in eine Jacke. „Hausrat. Geschirr, Töpfe, Lebensmittel ...“, zählte er auf, „ ... und ein Pferd für dich.“

Erstaunt sah sie ihn an. Ein wohlmeinender, poetisch veranlagter Mensch hätte seine Augen als bernsteinfarben beschrieben, aber für Beatrice waren sie schlicht und einfach gelb.

 „Oder willst du etwa zu Fuß gehen?“

Sie schüttelte den Kopf und folgte ihm in die Scheune. Er sattelte schweigend das Pferd, streifte Lederhandschuhe über und schwang sich schließlich auf den Rücken des Tieres.

Dann streckte er Beatrice eine Hand entgegen und hob sie quer vor sich in den Sattel. Sie blieb stocksteif mit aneinander gepressten Beinen und in die Pferdemähne gekrallten Fingern sitzen. Diese Haltung hielt sie problemlos durch - bis sich das Tier zu bewegen anfing und sie herumgeworfen wurde wie eine Nussschale in einem Hochwasser führendem Fluss.

Sie hörte ihn hinter sich fluchen. „Hör auf, dich wie ein Brett zu benehmen, sonst zurre ich dich kopfüber auf dem Sattel fest“, knurrte er durch die Zähne, nahm die Zügel in die linke Hand und zog Beatrice mit der anderen so eng an sich, dass sie ihre Rippen krachen hörte, bevor er das Pferd zu einer schnelleren Gangart antrieb.

Es war ein Höllenritt und sie öffnete ihre Augen erst wieder, als das Pferd stehen blieb und sich der eiserne Griff lockerte. Wackelig machte sie ein paar Schritte und schwor, jeden Gaul, den ihr Mann auswählte, klaglos zu akzeptieren.

Zwischen den Ständen herrschte reges Treiben und Beatrice bedauerte, dass sie ohne stehen zu bleiben direkt zum Pferdehändler marschierten.

Dort angekommen, wurden Fesseln und Gebiss, Kuppe und Schultermaß begutachtet. In die engere Wahl kamen schließlich eine Fuchsstute und ein sandfarbener Hengst mit schwarzer Mähne. Beatrice überließ die Männer ihren hitzigen Verhandlungen und schlenderte umher.

Abseits von den anderen stand eine weiße Stute, die ihre Aufmerksamkeit erregte. Beatrice streichelte die weichen Nüstern. „Na, meine Kleine“, murmelte sie und das Pferd stieß sanft gegen ihre Hand. Nachdenklich strich Beatrice über das zottige Fell. „Du bist nicht mehr schön genug, um bei den anderen zu stehen, stimmt`s?“

„Wir nehmen den Hengst“, sagte ihr Mann neben ihr.

„Ich will diese Schimmelstute“, erklärte Beatrice.

„Sie steht nicht zum Verkauf. Der Abdecker holt sie nach dem Mittagessen“, teilte ihr der Händler mit.

„Nein, ich will sie haben“, wiederholte Beatrice störrisch.

Wolfram nahm ihren Arm. „Sie ist alt und sie schafft den Heimweg nicht einmal alleine, geschweige denn mit dir auf dem Rücken. Und sogar wenn sie zehn Jahre jünger wäre, sie ist zu klein für dich.“

„Ich will sie haben.“

„Falls du es vergessen haben solltest, Frau, du hast mir zu gehorchen“, zischte er böse.

Beatrice zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken zu. „Wir nehmen den Hengst“, hörte sie ihn nach einer Weile gereizt sagen. „Und diese knochige Mähre.“

Beatrice wirbelte herum. Er sah sie unverändert grimmig an und seine Miene verhinderte, dass sie sich bedankte. Als er an ihr vorbeiging, knurrte er ein einziges Wort: „Weiber.“

 

Nach dem Handel wurde Wolfram von einigen Männern in ein Gespräch verwickelt und Beatrice, die neben ihm von einem Fuß auf den anderen trat, langweilte sich fast zu Tode. Dementsprechende Begeisterung breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als man beschloss, in die Schenke einzukehren und sie trottete mürrisch hinter ihnen her. Beim Eingang drehte sich Wolfram zu ihr um und bevor sie erraten konnte, was als nächstes kam, hatte er den Beutel mit den Geldstücken von seinem Gürtel gelöst und ihr in die Hand gedrückt. „In drei Stunden bist du wieder hier, verstanden?“

Sie nickte und bevor sie etwas sagen konnte, war er schon in der Schenke verschwunden.

Der Marktplatz lehrte Beatrice einiges über sich: so erstand sie Leinen und Baumwolle, weil sie wusste, wie man daraus ein Kleid machte, sie erkannte getrocknete Kräuter, Feuerstein und so manches exotische Gewürz. Darüber hinaus stellte sie fest, dass sie lesen konnte, und das sogar in Latein.

Ein Hochgefühl hatte sie gepackt und sie schwebte auf Wolken: sie war nicht das nutzlose Geschöpf, das zu sein sie geglaubt hatte. Sie war stark und klug, eine exzellente Schneiderin, eine vorzügliche Köchin. Und das war erst der Anfang ...

Die Wolken waren an einer Stelle so holprig, dass sie der Länge nach hinschlug und in mitten von fliegenden Zetteln, Stoffbahnen, Haarspangen und einem Spitzenschal zu liegen kam. Als wäre das nicht schon schlimm genug, sagte eine Stimme über ihr: “Hast du eigentlich auch irgendetwas Nützliches gekauft?“

 

In den nächsten Tagen musste Beatrice feststellen, dass in der windschiefen Hütte eine geradezu bienenstockartige Betriebsamkeit um sich griff. Handwerker aller Zünfte gaben sich die Tür in die Hand und ihr zu verstehen, dass sie nur im Weg war. Aufgebracht machte sie sich auf die Suche nach ihrem Mann, den sie endlich vor der Scheune fand.

„Was hat das alles zu bedeuten?“

„Ich habe nicht die Absicht, beim ersten Sturm obdachlos zu sein“, antwortete er lapidar. „Also wird unsere Behausung in einen brauchbaren Zustand versetzt.“

 „Du hast gar nicht hier gelebt, du hast das Haus erst gekauft“, erkannte sie verblüfft.

„Ja.“ Mehr war ihm zu dem Thema nicht zu entlocken, auch nicht später. Als auf der Wiese mehrere abgezäunte Koppeln und neben der Scheune eine Stallung errichtet wurde, bequemte er sich, ihr mitzuteilen, dass er beabsichtige, Pferde zu züchten.

Die Tage verrannen zu Wochen und Beatrice dachte immer weniger an ihren Unfall. Wolfram blieb schweigsam und abweisend, und wenn er nicht schwieg, gab er Befehle. Aber da er mit allen Menschen so umsprang - und sich keiner beschwerte, geschweige denn seine Worte in Zweifel zog -, beachtete auch Beatrice seinen Ton nicht weiter.

Eines Abends, als er über den Plänen für den Anbau saß und Beatrice ihm eine frische Öllampe brachte, hielt er sie am Rock fest. „Lies mir das vor“, befahl er.

Beatrice beugte sich über das Papier. „Vorgeschlagenes Material Fichtenholz, mindestens fünf Raummeter.“

„Danke“, sagte er in einem Ton, der klar machte, dass sie entlassen war.

 „Willst du es lernen?“, fragte sie leise.

Er hob den Kopf und sah sie schweigend an. Sie war überzeugt, dass er sie mit einer Bemerkung, wie: „Es waren nicht die Buchstaben, die mich am Leben gehalten haben“, abfertigen würde.

„Ja, ich will es lernen“, antwortete er da zu ihrer Überraschung.

„Gut“, sagte sie, setzte sich neben ihn und nahm ein sauberes Blatt.

„Jetzt?“

„Jetzt.“

 

Er lernte schnell und er bewies eine unglaubliche Geduld darin, Buchstaben solange auf das weiße Papier zu malen, bis sie perfekt waren. In diesen stillen Stunden, in denen Beatrice neben ihm saß, hing sie ihren eigenen Gedanken nach. Die Disziplin, die er an den Tag legte, war für ihn als Soldat zweifellos lebenswichtig gewesen.

Sie erinnerte sich an das Grauen, dass sie ergriffen hatte, als sie ihn zum ersten Mal beim Waschen am Brunnen überraschte. Sein Körper war von Narben übersät, von tiefen Kratern und langen roten Wülsten, die von Verletzungen zeugten, die eigentlich tödlich sein mussten.

Bevor Mitleid ihr Herz überschwemmen konnte, hatte er in ihre schreckgeweiteten Augen geblickt und mit einem bitteren Lächeln gesagt: „Du wirst das alte Scheusal nicht los, mein Engel. Ich bin unsterblich.“

 

Mittlerweile war es Juli geworden und eine unglaubliche Hitze, der Beatrice ihre häufigen Kopfschmerzen anlastete, lag über dem Land. Wolfram warf den Federkiel auf den Tisch und streckte sich. „Es reicht. Mir ist zu heiß, um noch einen Strich zu tun. Ich gehe schwimmen.“

Sehnsüchtig sah sie ihn an und er las ihre Gedanken. „Komm mit“, forderte er sie auf.

„Nein. Es schickt sich nicht ...“

„Na und?“

Sie schob mürrisch die Papiere zusammen. „Ich habe noch so viel zu tun. Das Abendbrot muss vorbereiten werden ...“

„Das kann warten. Das Wasser ist herrlich kühl und erfrischend.“ Die Schlange im Paradies hätte von seinem Tonfall lernen können.

Zornig warf Beatrice die Papiere in eine Lade. „Also gut, hör zu. Ich habe Angst vor Wasser, ich ...“, sie reckte sich, „... ich kann nicht schwimmen. Zufrieden?“

„Du hast vor vielen Dingen Angst“, erwiderte er zweideutig. „Aber natürlich ist schwimmen nicht so einfach, wie Lesen und Schreiben und ...“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin sicher, dass ich es lernen kann, wenn sogar du es kannst.“

Er lachte. „Dann beweis es mir.“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

 

Noch auf dem Pferd verwünschte Beatrice ihren Starrsinn und als sie bei dem kleinen See ankamen, und er damit begann, sich auszuziehen, wurde ihr die ganze Tragweite ihres Unterfangens klar.

„Ich werde mich nicht ausziehen.“

„Da machst du es dir nur unnötig schwer.“

„Du wirst dich auch nicht ausziehen.“

„Oh, doch, das werde ich.“

Sie rang die Hände. „Bitte ...“

Er knöpfte sein Hemd auf. „Ich behalte meine Hose an, wenn du dich bis auf die Unterwäsche ausziehst.“

Beatrice biss die Zähne zusammen und nickte. Als sie fertig war, nahm er ihre Hand und führte sie ins Wasser.

„Eigentlich ist mir jetzt gar nicht mehr hieß“, murmelte sie. „Ich bleibe am Ufer und sehe dir zu.“ Doch sein Griff zog sie unnachgiebig weiter.

Wolfram hob sie hoch und legte sie auf den Bauch. Während er sie festhielt, befahl er ihr, den Kopf oben zu halten und die vorher geübten Bewegungen auszuführen. Voller Konzentration gehorchte Beatrice. Er blieb neben ihr und seine Hand lag unter ihrem Bauch.

Langsam wurden ihre Bewegungen sicherer und sie hatte das Gefühl, völlig mühelos zu schweben. Das brachte sie dazu, ihn zu bitten, sie loszulassen.

„Ich kann das jetzt, wirklich.“

„Das glaube ich nicht.“

„Doch, doch, du kannst mich loslassen“, beharrte Beatrice.

„Wie du willst.“

Sie spürte, wie er seine Hand wegzog und gleichzeitig schlug das Wasser über ihr zusammen. Da er die ganze Zeit neben ihr gewesen war, hatte sie angenommen, sie befände sich noch immer in dem Bereich, wo man stehen konnte. Prustend schlug sie um sich und ging wie ein Stein unter.

Mit einem Ruck wurde sie hochgezogen und schnappte nach Luft. „Halt still, oder wir saufen beide ab“, sagte jemand an ihrem Ohr und Beatrice gehorchte augenblicklich. Am Ufer blieb sie husten liegen und registrierte nur am Rande, dass er sich neben sie setzte

Beatrice rollte auf den Rücken und sah ihn finster an. „Du hast mich losgelassen“, sagte sie vorwurfsvoll.

Er streckte sich neben ihr aus und stützte den Ellbogen auf. „Du wolltest es doch.“

„Ja, aber du hast gewusst, dass ich untergehe.“

„Hättest du mir geglaubt?“

Sie zog die Brauen zusammen und erwiderte dramatisch: „Mein Leben lag in deiner Hand!“

Sein Gesicht verfinsterte sich von einem Moment auf den anderen und mit funkelnden Augen beugte er sich vor. Nie zuvor glich er mehr einem Wolf als in diesem Moment, einem hungrigen Wolf, aber sie kam nicht mehr dazu Angst zu empfinden.

Sein Kuss war weit davon entfernt sanft oder auch nur zärtlich zu sein. Stattdessen bewegte sich sein Mund hart und fordernd auf dem ihren, wühlte sich rücksichtslos in sie. Das letzte Gefühl, das Beatrice klar identifizieren konnte, war Erstaunen darüber, wie sehr ihr seine Rücksichtslosigkeit gefiel. Sie erwiderte seinen Kuss mit der gleichen Leidenschaft und vergrub die Finger so fest in seinem nassen Haar, als wollte sie ihn nie mehr loslassen.

Seine Hände glitten von ihren Schultern zu ihren Hüften und pressten sie an sich. In obszönen, schamlosen Bewegungen rieb er sich an ihr und hielt die Augen dabei auf ihr Gesicht geheftet. Was immer jetzt kommen mochte, sie erwiderte seinen Blick offen und direkt.

Zu ihrem Bedauern hörte er auf, sich zu bewegen und holte tief Luft, um etwas zu sagen. Aber Reden war das letzte, was Beatrice jetzt wollte und deshalb zog sie seinen Kopf zu sich und bewies, dass sie über die gleiche Rücksichtslosigkeit verfügte wie er.

 

Beatrice lebte wie im Märchen. Sie fühlte sich unbeschreiblich glücklich und geborgen, sie liebte und wurde geliebt, und alle Zweifel waren unter diesem Berg von Gefühlen begraben. Ihre Vergangenheit war ihr egal, nur das hier und jetzt zählte: das Haus erstrahlte in neuem Glanz, die Umbauten waren im Oktober abgeschlossen und die Stallungen wurden von Stuten bewohnt, die im Frühjahr die ersten Fohlen zur Welt bringen würden.

Alles lief in wohlgeordneten Bahnen und nichts deutete darauf hin, dass es anders werden sollte, als Beatrice an einem nebligen Novembermorgen mit Wolfram durch den Wald ritt.

Die Umrisse der beiden Reiter, die ihnen entgegenkamen, wurden schärfer. „Alexi“, rief Beatrice plötzlich. “Alexi!“

Sie sprang zu Boden und lief die letzten Schritte. Der Mann fing sie auf und wirbelte sie in der Luft herum. „Beatrice, Schwesterchen, endlich hab ich dich wieder.“ Sie hielt sein liebes, vertrautes Gesicht in ihren Händen und sah in seine grünen Augen. „Alexi, mein Großer...“

Hinter ihm tauchte der andere Reiter auf und mit ihm der Rest ihrer verschütteten Erinnerung. Clemens, Clemens Reinhard, der Mann, den sie liebte und mit dem sie seit vier Jahren verlobt war. Er arbeitete in Prag in der Spezereienhandlung seines Onkels, die nach dessen Tod ihm gehören sollte. Dann würden sie heiraten und ein Leben in Saus und Braus führen. An diesen Gedanken hatte sie sich in langen einsamen Nächten geklammert, ohne wirklich Trost zu finden. Bei seinem letzten Besuch war sie zu später Stunde in sein Zimmer gehuscht und hatte es trotz seiner Proteste und ihrer Unerfahrenheit geschafft, ihn zu verführen. Als sie dann merkte, dass sie schwanger war, beschloss sie, ihn in Prag vor vollendete Tatsachen zu stellen. Auf dem Weg dorthin war ihr Pferd durchgegangen und hatte sie abgeworfen. Wolfram musste sie gefunden haben.

Aber sie waren sich schon vorher einmal begegnet. er war wie ein fanatischer Irrer bei ihrem Vater aufgetaucht und forderte - ein anderes Wort dafür gab es nicht - ihre Hand. Ihr Vater wies ihn ab, sie selbst natürlich auch, und er zog Fäuste schwingend von dannen.

Clemens kam zögernd näher. „Beatrice“, flüsterte er tonlos und riss sie ungestüm an sich, um ihr Gesicht mit Küssen zu bedecken. „Wir haben nicht mehr daran geglaubt, dich zu finden. Unglücklicherweise ist Alexander erst vor sechs Wochen aus Schweden zurückgekommen, denn er zählte sofort zwei und zwei zusammen, als er von deinem Vater erfuhr, dass Wolfram Gerlich bei euch war“, sprudelte er heraus und Beatrice sah ihren Bruder an.

„Als ich das hörte, war mir klar, dass er dich entführt hatte. Es ging also nur darum, ihn zu finden“, sagte Alexander und sein Gesicht verhärtete sich.

„Er hat mich nicht entführt. Ich habe meine Erinnerung verloren. Bis vorhin wusste ich nicht einmal, dass es dich gibt.“

Alexander machte einen Schritt auf Wolfram zu, der noch immer auf dem Pferd saß. „Bei Gott, Gerlich, ich hätte Euch auf dem Schlachtfeld verrecken lassen sollen, anstatt Euch zusammenzuflicken. Niemals überlasse ich meine Schwester einem wie Euch.“

„Was soll das heißen, Alexander?“

„Er ist ein Landsknecht und Söldner, einer von denen, die für jeden morden, der seinen Beutel weit genug öffnet. Katholiken, Protestanten, Schweden, Sachsen, Franzosen oder Böhmen, ihm ist das völliger einerlei. Er brennt mit seiner Bande Dörfer nieder, mordet Kinder und schändet Frauen. Weißt du, wie viele Männer in meinen Armen starben, deren letzte Worte waren: er ist kein Mensch aus Fleisch und Blut? Er ist eine reißende Bestie, Gerlich, der Wolf.“

Alexander spuckte den Namen aus und Beatrice zweifelte seine Worte nicht an. Oft genug hatte er ihr in seinen Briefen die Brutalität der Schlachtfelder geschildert und die Sinnlosigkeit seiner Arbeit als Arzt. Das war also die dumpfe Dunkelheit, die Wolfram umgab. Es war eine Erklärung, aber sie brauchte noch eine andere. „Wartet drüben bei der Lichtung auf mich.“

„Warum?“, fragte sie dann einfach, als sie mit Wolfram allein war. „Warum musste es unbedingt ich sein?“

Er stieg nicht ab, sondern kreuzte die Hände über dem Sattelknauf. „Es ging nie um dich. Du bist nur das Mittel zum Zweck.“ Er richtete seinen Blick auf einen Punkt über ihrem Kopf. „Vor langer, langer Zeit habe ich jemanden verloren, der mir sehr viel bedeutete, der ein Teil von mir war: meine Zwillingsschwester. Kurze Zeit darauf prophezeite man mir, wie mein weiteres Leben aussehen würde, und dass ich erst Ruhe finden könnte, wenn ich durch eine bestimmte Frau meine Schwester zurückbekäme. Du bist die Frau mit dem Zeichen, in deinem Kind wird meine Schwester wiedergeboren und sie allein kann mich vor mir selbst retten.“ Er macht eine Pause. „Es war ein glücklicher Zufall, dass ich dich fand und da du dich an nichts erinnern konntest, erschien es mir am einfachsten, selbst dafür zu sorgen, dass du dieses Kind bekommst. Es hätte dann offiziell mir gehört und alle Probleme wären erledigt gewesen.“

„Und ich? Hättest du mich nach der Geburt erwürgt?“

„Nein, ich hätte dich zu deinen Eltern geschickt. Ich halte dich auch nicht auf, wenn du jetzt gehen willst. Ich weiß, wo ich dich finden werde, dich und Clemens und euer Kind.“

„Du würdest mir mein Kind stehlen, nur weil dir jemand etwas aus dem Kaffeesatz gelesen hat?“

„Es wurde alles wahr, was sie mir gesagt hat. Alles.“

„Weil du alles getan hast, was sie dir gesagt hat. Dein Leben hätte auch ganz anders aussehen können“, schrie Beatrice.

Er zuckte die Achseln. „Deine Meinung interessiert mich nicht. Geh zu deinen Leuten zurück, wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dich finden.“

Einen Augenblick lang war sie versucht, ihm ins Gesicht zu schleudern, dass Doktor Wernstatt ihr erst vor ein paar Tagen mitgeteilt hatte, dass sie nach menschlichem Ermessen keine Kinder mehr bekommen konnte, aber dann schwieg sie. Sollte er doch den Rest seines Lebens mit Warten verbringen. Eine gerechte Strafe für alles, was er ihr angetan hatte. Sie nahm ihm die Zügel ihres Pferdes aus der Hand und ritt, ohne sich noch einmal um zu drehen, davon.

 

Ihre Eltern empfingen sie herzlich und liebevoll. Man behandelte sie wie ein rohes Ei und nach ein paar Tagen glaubte Beatrice vor lauter Fürsorge ersticken zu müssen.

Clemens murmelte immer wieder, dass alles nur seine Schuld sei und rang sich auch anderweitig zu einem Entschluss durch. „Ich werde Onkel Ferdinand bitten, mich zum Teilhaber zu machen, dann können wir noch im Frühling heiraten.“ Er hielt ihre Hand fest und drückte sie aufmunternd. „Es ist mir egal, was in den letzten Monaten alles passiert ist. Ich liebe dich und wenn du ein Kind bekommst, werde ich es als das meine annehmen. Mach dir keine Sorgen, alles wird gut, mein Liebling.“ Er küsste sie voller Enthusiasmus und machte sich auf den Weg nach Prag.

Nachdem auch Alexander, der eine Einladung der Universität Leyden annahm, abgereist war, wurde der Platz am Fenster zu Beatrices Lieblingsplatz. Stundenlang konnte sie auf die unter Schnee verschwindende Umgebung starren.

Kopfschüttelnd bemerkte ihre Mutter: „Wenn mir letztes Jahr jemand gesagt hätte, dass du länger als fünf Minuten auf einem Fleck sitzen kannst, ich hätte es nicht geglaubt.“

Beatrice drehte sich zu ihr um. „Wirklich?“, fragte sie ohne großes Interesse.

„Ja, auch Clemens ist es schon aufgefallen, er ist erleichtert, dass du endlich erwachsen geworden bist.“

„Bin ich das?“

Ihr Mutter breitete den Gobelin, an dem sie arbeitete auf dem Tisch aus. „Ich denke schon. Obwohl mir fast das Herz stehen blieb als ich dich in den Männerkleidern gesehen habe. Und du weißt, wie unschicklich es für eine Frau ist, im Herrensitz zu reiten. Clemens hätte dir so etwas nie gestattet.“

Beatrice sah wieder aus dem Fenster. “Ja, er hat mich entweder behandelt als wäre ich ein Kind oder eine Madonna.“

„Nicht immer, sonst wäre das alles nicht passiert“, entgegnete ihre Mutter spitz.

„Es war nicht seine Schuld“, antwortete Beatrice in schöner Ehrlichkeit.

„Das habe ich mir fast gedacht. Ein Glück, dass er aus dir eine ehrbare Frau macht.“

„Ja, ein Glück für uns alle.“

 

Eines Abends tauchte Beatrice im Behandlungszimmer ihres Vaters auf. Er füllte gerade eine Tinktur in kleine Fläschchen. Früher, nachdem Alexander seine Studien in Wien aufgenommen hatte, war sie es gewesen, die ihrem Vater zur Hand ging, die Verbände wechselte und Wunden reinigte. Er sah sie über seine Brillengläser an. „Es ist lange her, dass du hier warst, Bea.“

Sie setzte sich auf einen Sessel ihm gegenüber. Er schob ihr die gefüllten Fläschchen, eine Schachtel mit Korken und einen Wachstab zu. Schweigend arbeiteten sie miteinander und spürten die alte Vertrautheit wachsen.

„Clemens ...“, fing Beatrice an, brach aber dann wieder ab.

Ihr Vater nickte. „Ja, dein Plan war nicht schlecht, fast hätte es funktioniert.“

Überrascht sah Beatrice ihn an und er lächelte. „Obwohl es nicht den Anschein hat, weiß ich ganz genau, was in meinem Haus vorgeht. Es wunderte mich ohnehin schon, dass du vier Jahre lang als geduldige Braut durchgehalten hast. Und der liebe Clemens hatte am nächsten Morgen in meinen Augen fast menschlich Züge.“

„Er will mich trotz allem heiraten.“

„Ich hielt ihn schon immer für einen Heiligen“, meinte ihr Vater lakonisch und reichte ihr ein weiteres Fläschchen. „Warum tanzt du nicht vor Freude auf dem Tisch? Du hast ihm die schönsten Jahre deines Lebens geschenkt oder sollte ich sagen, er hat sie dir gestohlen.“

Entgeistert stammelte Beatrice: „Du hast nie etwas gegen ihn gesagt.“

Er zuckte die Achseln. „Du wolltest ihn unbedingt haben, außerdem ist er so perfekt, dass man nichts gegen ihn sagen kann.“

„Ja, ich weiß. Er ist makellos und ich bin seiner einfach nicht würdig.“

„Ganz genau. Und wie sieht der Mann aus, dem du würdig bist?“

„Alexander hat dir doch sicher erzählt ...“

Kopfschüttelnd griff stellte er die Flasche auf dem Tisch. „Es ist also wirklich dieser tobende Irre ... warum hat er sich hier so aufgeführt, hat ihm die Liebe zu dir seinen Verstand geraubt?“

„Nein, ich besitze den Schlüssel für sein Leben.“ Sie erzählte ihm die ganze Geschichte.

„Und du glaubst das?“

„Nein, aber er tut es und das ist das Einzige, was zählt.“

Ihr Vater seufzte. „Die Dinge, die Alexander berichtet, lassen ihn nicht gerade in hellem Licht erstrahlen. Was sagst du dazu?“

 „Ich weiß es nicht, aber ...“

„Du siehst nur, was du sehen willst, Beatrice.“ Er schwieg. „Und Alexander sieht nur das, was er sehen will. Die Wahrheit liegt wie bei allem irgendwo in der Mitte.“

Beatrice sprang auf und stürzte sich in die Arme ihres Vaters. „Was soll ich nur tun, Vater, was soll ich nur tun?“

Er streichelte ihren Rücken. „Das kannst du nur selbst herausfinden.“

 

Der Himmel schien ihren Entschluss zu billigen, denn es hörte auf zu schneien, als sie ihr Pferd querfeldein über Berge und Hänge jagte.

Das Haus lag versunken im Schnee vor ihr und sie glitt mit steifen Gliedern aus dem Sattel. Mühsam öffnete sie die Tür und ging vorsichtig weiter.

Er saß in der Küche an einem Tisch. Vor ihm standen mehrere leere und eine halbvolle Flasche Branntwein. Langsam hob er den Kopf und sah durch sie hindurch als wäre sie gar nicht da. Der Teil seines Gesichts, der nicht von einem schwarzen Bart bedeckt war, wirkte wächsern und seine Augen waren blutunterlaufen. Gemeinsam mit dem starren Blick glich er einem Mann, der den Verstand verloren oder nie einen besessen hatte.

Er stand so unvermittelt auf, dass sie zurückgewichen wäre, hätte er sie nicht schon in seinen Armen gehalten. Sein Mund presste sich auf ihren als wollte er ihre Seele trinken. Stöhnend lehnte er seine heiße Stirn an ihre und seine Stimme klang rau, als hätte er sie schon lange nicht mehr gebraucht. „Sag, dass du wirklich da bist, sag, dass du keine Einbildung bist.“

„Ich bin da und ich bin durchaus lebendig.“

Er ließ sie los und wankte zur Eingangstür. Kopfschüttelnd legte Beatrice ihren Umhang auf einen Sessel. Als er zurückkam, hing Schnee in seinem Haar und seinem Bart, aber wirkte völlig nüchtern und wie seine nächsten Worte bewiesen, war es auch. „Was willst du?“

Beatrice sah ihn an und verwarf alle hübschen Worte, die sie sich zu recht gelegt hatte.

„Dich.“

„Ach, verschmäht dich deine hübsche Krämerseele also.“

Sie verbiss sich ein Lächeln. „Nein, er will mich und er will mich sogar heiraten und jegliches Kind als das seine anerkennen.“

Er wurde blass. „Du ... du ...“

Ihr Lächeln erlosch. „Nein, ich bekomme kein Kind und ich werde auch nie ein Kind bekommen.“

„Ich weiß“, sagte er zerstreut und fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar. „Doktor Wernstatt suchte mich extra deswegen auf. Er machte sich Sorgen, weil du so plötzlich verschwunden bist.“

Abwartend sah sie ihn an, aber er zuckte nur die Achseln. „Um ehrlich zu sein, es ist mir verdammt egal.“

„Und die Prophezeiung?“

Er ließ sich auf einen Sessel fallen. „Ich hatte genug Zeit, um nachzudenken. Ich glaube, du hast Recht, ich hätte nichts von dem tun müssen, was ich getan habe.“

„Alexander hat die Wahrheit gesagt, nicht wahr?“

 „Ja, und ich kann nichts davon beschönigen. Ich dachte, ich könnte sterben, wenn ich es nur oft genug versuche.“ Stöhnend vergrub er sein Gesicht in den Händen. „Aber zumindest in dieser Hinsicht behielt die Wahrsagerin recht.“

Beatrice strich über sein Haar.

„Du kannst nicht bei mir bleiben.“

„Hast du mich nicht ein kleines bisschen lieb?“

Er entzog sich ihrer Berührung. „Ich liebe dich so sehr, dass ich knapp daran war, wahnsinnig zu werden. Aber wenn du bleibst, zerstöre ich dich, so wie alles andere in meinem Leben.“

Kurz entschlossen setzte sie sich auf seinen Schoß. „Nein, du zerstörst mich nicht und du zerstörst auch nichts anderes.“

„Die Scheune ist abgebrannt, die Hälfte der Stallungen wurde dabei zerstört, drei Stuten starben. Und du willst sagen, ich zerstöre nichts?“

Sie griff nach seinem Kinn. „Wenn das so ist, werden wir uns eben darum kümmern müssen, dass die Prophezeiung doch wahr wird. Am besten, wir fangen gleich damit an.“

Er wehrte sich nicht wirklich gegen ihre Zärtlichkeiten und ließ schließlich seine Lippen von ihren Mund über ihren Hals wandern. Beatrice seufzte zufrieden, bis er plötzlich seinen Kopf hob.

 „Was ist das?“ Seine Stimme klang dermaßen verstört, dass Beatrice in die Wirklichkeit zurückfand. Mit einem Ruck riss er das dünne Kettchen ab und hielt den baumelnden Anhänger vor ihr Gesicht.

„Es ist mein Talisman. Ich war halb tot als ich zur Welt kam, und die Frau, die meiner Mutter beistand, sagte mir, solange ich diesen Anhänger besäße, wurde mir nichts geschehen.“

Während ihrer Worte hatte er den Bogenschutz von seinem Gelenk gezerrt und hielt ihr jetzt die Innenfläche entgegen. In das Leder war wie eine Intarsie das Gegenstück ihres Anhängers gearbeitet: ein halbes Goldkreuz.

Verwundert sah sie ihn an.

„Es gehörte meiner Schwester“, stammelte er. „Die Wahrsagerin hat es geteilt ...“

Sanft streichelte sie seine Wange. „Vielleicht wird es doch wahr ..“

Er schüttelte den Kopf, als wollte er ein Gespinst zerreißen. „Deine Mutter, ... wie sieht sie aus?“

Beatrice runzelte die Stirn. „So wie ich, etwas kleiner vielleicht, aber ihr Haar hat die gleiche Farbe und ihre Augen ...“ Sie hielt inne. Und dann begriff sie. „Es sind die Augen, das Zeichen, an dem du ... oh mein Gott.“

„Ja“, bestätigte er heiser, „und deine Mutter hat die gleichen Augen wie du.“

Benommen nickte sie. „Dann bin ich also das Kind ...“

Wolfram legte den Kopf an ihre Schulter und weinte lautlos. Beatrice legte ihre Arme um ihn. Es war ein Beginn. Die dunklen Wolken schienen so dicht, dass sie sich nur sehr, sehr langsam auflösen würden, aber das kümmerte sie nicht.

Schließlich hatte man ihm ein langes Leben prophezeit.

 

 

~ Ende ~

 

© Marie Andrevsky

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