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Tag und Nacht

von Marie Andrevsky

 

Willis Waldschenke war ein Ausflugslokal, das auch den

höchsten Ansprüchen gerecht wurde. Dieser Umstand äußerte

sich nicht nur in der handgeschriebenen Tageskarte, sondern

auch in den mit Terrakottafliesen und Carraramarmor

ausgestatteten Waschräumen.

 

Sensoren regelten dort automatisch Beleuchtung,

Wasserzufluss und Musikberieselung. Deshalb flammten auch

alle Lampen auf als Alex die Tür öffnete und die Örtlichkeit zu

den Klängen von Moonriver betrat. Er legte die langstielige

lachsfarbene Rose auf den Waschtisch und musterte sich

kritisch in der Spiegelwand.

 

Der Armanianzug verbarg geschickt das bisschen Zuviel an

Körper, das er mit sich herumtrug. Die moosgrüne

Seidenkrawatte betonte seine Augen und sein dichtes

schwarzes Haar, das nur an einer kleinen Stelle am Hinterkopf

etwas schütter wurde. Aber da er 1.96 m groß war, bekamen

diese Stelle nur wenige seiner Mitmenschen zu sehen.

 

Zumindest so lange er sich nicht bückte - was er heute ganz

bestimmt nicht vorhatte. Heute musste alles perfekt sein, weil er

endlich jene Frau treffen würde, die er vierzehn Monate lang

vergeblich um ein Rendezvous gebeten hatte. Die Frau, von

der er nichts weiter kannte als den Namen und die Stimme.

Obwohl es fast eineinhalb Jahre zurücklag, konnte er sich

noch wie gestern an ihre erste Begegnung erinnern. Er düste

nach einem Auswärtsmatch sei-ner Lieblingsfußballmannschaft

über die nächtliche Autobahn heim. Der CD-Player war defekt,

also musste das Radio herhalten. Und da hörte er sie. Diese

Stimme, die ihn seitdem nicht mehr losgelassen hatte. Ein

weiches raues Timbre, das in ihn strömte, sich langsam

fließend in ihm ausbreitete und Stück für Stück von seinem

Körper, seinem Verstand und seinem Herz in Besitz nahm.

 

Die Sendung hieß Nachtfalter, kam Montag bis Freitag von

0.00 bis 5.00 Uhr und Alex hatte keine einzige mehr versäumt.

Die Musik, die Tina auflegte, war nicht nach seinem

Geschmack und auch mit den gelegentlich zum Vortrag

gebrachten Gedichten und Balladen konnte er nichts anfangen.

Aber das war unwichtig. Er wäre auch vor dem Radio gehockt,

wenn sie Programmieranleitungen für Videorecorder,

unterbrochen von Gregorianischen Chorälen, rezitiert hätte.

 

Es dauerte nicht lange, bis er begriff, dass er sie treffen

musste. Beim Sender gab man ihm keinerlei Informationen,

nicht einmal ein signiertes Foto: »Frau Wegner wünscht

keinerlei Publicity. Wir sind nicht befugt, Auskunft über das

Privatleben unserer Mitarbeiter zu erteilen.«

 

Auch diese Tatsache konnte seinen Enthusiasmus nicht

dämpfen. Er nutzte jede Gelegenheit, an Live-Diskussionen

teilzunehmen und wenn die Mikro-phone abgeschaltet waren,

bat er sie regelmäßig um eine Verabredung. Sie - ihre Stimme! -

blieb gleichermaßen freundlich wie ablehnend.

 

Er machte es sich zur Gewohnheit, Blumen für sie an den

Sender zu schicken, in denen Kärtchen mit Vorschlägen für

gemeinsame Unternehmungen steckten und erntete dafür

nichts weiter als »Vielen Dank und herzliche Grüße.«

Doch dann, als er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte,

offenbarte sie ihm völlig unerwartet nach einer der

Telefondiskussionen, dass sie sich mit ihm treffen wolle, er solle

nur sagen, wann und wo.

 

Wann war heute, und wo dieses vornehme Lokal ein paar

Kilometer außer-halb der Stadt. Er wusch sich die Hände, die

vor Nervosität feucht waren und fletschte die Zähne, um zu

sehen, ob sich keine Speisereste dazwischen verfangen hatten.

Mit Daumen und Zeigefinger zupfte er eine Locke zurecht und

bedauerte, auf Gel verzichtet zu haben. Aber man wusste nie,

wie der Nachmittag enden würde und seiner Erfahrung nach

wühlten Frauen nicht gerne in klebrigen Strähnen. Alles war

möglich und nichts davon konnte ihn überraschen. Seine

Wohnung war auf Hochglanz gebracht, das Bett frisch

überzogen und der Sekt eingekühlt.

 

Er hob eine Augenbraue und lächelte seinem Spiegelbild,

das einen durch und durch erfolgsverwöhnten Creative Director

mit eigener Werbeagentur zeigte, aufmunternd zu. Dann nahm

er die Rose und machte sich auf den Weg in den Gastraum. Auf

seine Frage hin teilte ihm der Kellner mit, dass Frau Wegner

bereits an dem reservierten Tisch Platz genommen habe.

Lässig schritt Alex an den reichlich verteilten Grünpflanzen

entlang. Sein Herz hämmerte in wildem Stakkato und zu

seinem Entsetzen wurden seine Handflächen schon wieder

feucht. Der Kopf der Frau war über die ledergebundene

Menükarte gebeugt und so sah er vorerst nur eine Menge

halblangen, hellbraunen Haares. Er räusperte sich und die Frau

hob den Kopf.

Später konnte er nicht sagen, ob es ihre riesigen

veilchenfarbenen Augen waren, die sein Schicksal endgültig

besiegelten oder das Lächeln, das sich auf ihre Lippen stahl.

Vollkommen sprachlos schaffte er eine leichte Verbeugung

und reichte ihr die Rose. Ihr Lächeln vertiefte sich und auf ihrer

Wange erschien ein Grübchen. »Alex, nehme ich an?«

 

Die Stimme. Sie riss ihn aus seiner Betäubung. Er nickte und

setzte sich ihr gegenüber. »Alex Hofer, nur ein unbedeutendes

Mitglied aus der Schar deiner Bewunderer.«

 

Der Kellner tauchte auf und machte den Austausch weiterer

Höflichkeiten zunichte. Kurz entschlossen bestellten sie beide

Eiskaffee. »Ohne Schlag«, sagten sie wie aus einem Mund und

begannen prompt zu lachen.

 

Die Konversation plätscherte dahin. Tina erzählte, wie sie

beim Radio hängen geblieben war, dass sie Nachtfalter seit

über fünf Jahren moderierte und warum sie ihre Sendezeit so

schätzte: »In diesen Stunden hat die Zeit etwas Unwirkliches.

Es ist eine Art Magie, die sich auch auf die Hörer überträgt.

Man kann über viele Dinge sprechen, die sonst ... «

Alex versuchte sich auf die Inhalte zu konzentrieren und

nicht auf den Klang ihrer Stimme. Die Stimme, die jetzt Gestalt

angenommen hatte. Und was für eine Gestalt!

 

Der Teil von ihm,der die Realität nicht völlig aus den Augen verloren

hatte, war in der Hoffnung zu diesem Treffen gekommen, Tina wäre

hässlich oder zumindest nicht sein Typ; alt oder zumindest zu

alt für ihn. Dann wäre der Bann gebrochen und er selbst wieder

frei; frei, seine schlaflosen Nächte nicht länger mit Celine Dion,

Xavier Naidoo und François Villon zu verbringen, sondern mit

Ozzy Osbourne, U2 und Al Bundy; frei, die hüb-sche Sekretärin,

die immer ausgerechnet von ihm Rat bei komplizierten

Dateiformaten haben wollte, zu einem After-Work-Drink

einzuladen.

 

Frei, sein eigenes Leben zu leben.

 

Aber hier und jetzt begriff er mit schmerzender Klarheit, dass

die Kette, die ihn an Tina fesselte, nicht zu durchschlagen war.

Um so härter traf ihn deshalb die Tatsache, dass er die

Situation nicht wirklich in den Griff bekam. Gewiss, sie saß da,

löffelte ihr Eis, lächelte und plauderte. Unverbindlich und

nichtssagend. Zwischen ihnen befand sich eine Wand aus

Glas, aus Panzerglas, und er musste irgendetwas tun, um sie

zu durchbrechen. Also schob er den leeren Eisbecher zur

Tischmitte und ging zum Angriff über.

 

»Was hältst du davon, irgendwo hinzufahren?«, fragte er

entschlossen und legte demonstrativ den Autoschlüssel mit

dem Anhänger nach oben vor sich hin. »Mein Porsche wartet

draußen. In Null Komma nix sind wir in der Stadt.«

 

Tina tupfte mit der Serviette ihren Mund ab. »Lassen wir es

für heute gut sein, Alex. Ich hatte eine anstrengende Woche

und ... «, sie legte die Serviette weg und sah ihm direkt in die

Augen, »... außerdem hasse ich schnelle Autos.«

 

Alex schwieg. Die Abfuhr war deutlich. Er zog ein von einer

goldenen Geldscheinklammer gehaltenes Bündel 200 €

Scheine aus seiner Jacke und machte dem Kellner ein Zeichen.

 

Tina betrachtete ihn nachdenklich. Auch Tom, ihr Ex-Mann,

hegte ein Faible für Designerklamotten und Sportwagen. Als mit

Aufträgen überhäufter Architekt passte das auch tadellos zu

seinem Lebensstil. Nur sie selbst hatte irgendwann nicht mehr

dazugepasst. Aber immerhin teilte er ihr erst nach ihrer

Entlassung aus dem Krankenhaus mit, dass er ihren Anblick

nicht länger ertrug.

 

Alex ließ ein paar Münzen auf dem Tisch liegen. Er suchte

krampfhaft nach einer Möglichkeit, dieses Treffen noch nicht zu

beenden.

 

»Gibst du mir das Ding von dort drüben?«, hörte er Tina

sagen.

 

Er starrte zu der gegenüberliegenden Wand, wo neben

mehreren Babyhochsesseln DAS DING stand. Sein Blick kehrte

zu Tina zurück.

 

Fassungslos. Ungläubig. Entsetzt.

 

Mit hölzernen Bewegungen ging er hinüber und nahm die

Griffe des Rollstuhls. Sie fühlten sich kalt und klebrig an.

Mühsam schob er den Rollstuhl zum Tisch und sah - noch

immer paralysiert - zu, wie Tina sich hineinhievte. Mit ihren

Händen zog sie ihre Beine, die in hellen Jeans steckten, auf die

Fußstütze. Dann griff sie nach ihrer Handtasche und der Rose.

Beides legte sie auf ihren Schoß.

 

»Wir können gehen«, sagte sie ausdruckslos und blickte ihn

an. Der Schock ließ seine versteinerten Gesichtszüge grau

aussehen.

 

Seine Reaktion tat weh. Mehr als sie erwartet hatte.

Nicht zum ersten Mal verwünschte sie ihre masochistische

Ader, die sie immer wieder zu diesem infantilen Spielchen trieb.

Immer wieder mit demselben Ergebnis.

 

Alex hielt ihr die Glastür auf und folgte ihr. Auf dem Parkplatz

angekommen, stoppte sie den Rollstuhl und streckte Alex die

Hand hin. »War nett, dich kennen zu lernen.«

 

Er nahm ihre Hand, konnte ihr dabei aber nicht ins Gesicht

sehen. An der Kälte ihrer Stimme merkte er, dass er gewogen

und für zu leicht befunden worden war.

 

»Es ... es tut mir leid«, brachte er über die Lippen.

 

Ohne zu wissen wie, saß er dann in seinem Porsche und

drückte den Kopf gegen die Nackenstütze. Sein Magen klumpte

sich zusammen und er atmete mit geschlossenen Augen tief

durch.

 

Als er sie wieder öffnete, sah er Tina schräg gegenüber. Ein

junger langhaariger Mann half ihr auf den Beifahrersitz eines

gelben Golfs und verstaute den zusammengeklappten Rollstuhl

im Kofferraum. Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

 

Alex Hände klammerten sich um das Lenkrad. Er hörte einen

Schrei und begriff erst nach Sekunden, dass er aus seiner

eigenen Kehle gekommen war. Ein Ruck ging durch ihn, dann

stieß er die Tür auf und rannte wie von Furien gehetzt quer über

den Parkplatz. Er durfte nicht zulassen, dass sie auf

Nimmerwiedersehen aus seinem Leben verschwand. Auch

wenn er sich dafür bis auf die Knochen blamieren musste.

 

Mitten auf der Fahrbahn blieb Alex stehen, wartete bis der

Golf anhielt und hastete zur Fahrertür. Ungeduldig riss er sie

auf und packte den Langhaarigen am Arm. »Geh' eine rauchen

oder kauf' dir ein Bier oder sonst was«, befahl er dem Zivi und

zog einen Schein aus seinem Bündel.

 

Unbeeindruckt blickte der Mann zu Tina, die nach kurzem

Zögern nickte. Dann erst nahm er den Schein.

 

Alex ließ sich auf den Fahrersitz fallen, lenkte den Wagen an

den Fahrbahnrand und stellte die Zündung ab. Er wusste nicht,

wie er anfangen sollte. Schließlich griff er nach den

Geldscheinen, die er aufs Armaturenbrett geworfen hatte und

zog die Klammer weg. »Nur die obersten beiden sind

Zweihunderter, darunter sind lauter Fünfer. Das ist mein Budget

für den Rest des Monats.« Er fixierte einen Punkt jenseits der

Straße. »Ich habe eine zehnjährige Tochter, für die ich Alimente

zahlen muss und die alle vierzehn Tage das Wochenende bei

mir verbringt. Der Porsche ist geliehen, morgen um zehn Uhr

muss ich ihn zurückbringen. Den Anzug habe ich aus einem

Second Hand Shop. Ich bin nicht Creative Director, sondern

Layouter. Ich arbeite nicht nachts, sondern ich bin nur

wachgeblieben, um deine Stimme zu hören.«

 

Er drehte sich zu ihr und zwang sich, ihrem Blick

standzuhalten. »All das habe ich mir ausgedacht, um dich zu

beeindrucken, um dich dazu zu bringen, dich weiter mit mir zu

treffen

 

Tina schwieg.

 

»Damit du nicht denkst, ich bin nur einer von vielen - ein

Mittdreißiger mit Schwimmreifen und beginnender Glatze. Ich

bin ein Frosch, der ein Prinz sein wollte«, schloss er mit bitterer

Ironie. »Dein Prinz.«

 

Sie schwieg noch immer und zum ersten Mal in seinem

Leben merkte er, dass Stille schmerzen konnte. Er riss sich

zusammen. »Danke, dass du mich angehört hast.«

 

Der Zivi hatte in Rufweite gewartet und setzte sich wieder

hinters Steuer. Alex ging um den Golf herum. Seine Hände

waren tief in den Hosentaschen vergraben, sein Blick auf den

Boden gerichtet, ohne etwas zu sehen.

 

»Alex.«

 

Er drehte sich um. Tina hatte das Seitenfenster geöffnet. In

ihrer Wange erschien wieder das Grübchen. »Dein Plan ist

aufgegangen. Du hast mich beeindruckt. Sehr sogar.«

 

 

 

 

~ Ende ~

 

© Marie Andrevsky

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